Otaru: Hafenstadt auf Hokkaidō

Marie-Louise Helling
Marie-Louise Helling

Feinste Glaskunst, architektonisch eindrucksvolle Villen wohlhabender Fischer und romantisch beleuchtete Wasserwege: Ein Besuch in Otaru gleicht einer kleinen Zeitreise. Die Hafenstadt lässt sich ideal in ein bis zwei Tagen entdecken.

Schnee in Otaru: Der Winter auf Hokkaidō ist kalt und frostig. © KWON YOUN / Unsplash

Ungefähr 30 Kilometer nordwestlich von Hokkaidōs Hauptstadt Sapporo gelegen, bezaubert die kleine Hafenstadt Otaru mit ihrem nostalgischen Charme. Der Name der Stadt stammt ursprünglich aus der Ainu-Sprache und kann übersetzt werden als „ein Fluss, der durch Sand fließt“. Bis in die 1950er Jahre war Otaru die bevölkerungsreichste und industriellste Stadt Hokkaidōs. Heute ist Otaru eine selbstständige Stadt mit hoher Arbeitsplatzdichte und gut ausgebauter Infrastruktur unweit der Hauptstadt Sapporo.

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Schmale Kanäle schlängeln sich durch Otaru. Gut erhaltene japanische Fischerhäuser sowie alte Lagerhäuser, gebaut aus massivem Stein, zeugen vom florierenden Handel des 19. Jahrhunderts. Die Stadt war bekannt für den Fang von frischem Hering, der sich in großer Zahl in den Gewässern vor der Küste tummelte. Einige eifrige Fischer verschrieben sich speziell dem Heringsfang und gelangten zu ungeahnt großem Reichtum. Sie errichteten prunkvolle Villen in und rund um Otaru. Diese sogenannten nishin goten („Heringshäuser“) finden sich immer noch vereinzelt im Stadtbild und können heute besichtigt werden.

Die Fischerei von Otaru

Etwa fünf Kilometer vom Zentrum entfernt lädt ein großzügig gebautes Heringshaus auf einem Hügel interessierte Besucher zum Flanieren ein. Ursprünglich stand es im Dorf Tomari auf der Shakotan-Halbinsel. Ende des 18. Jahrhunderts lebte dort der Bauherr und Heringsfischer Fukumatsu Tanaka, der sein Leben der Verarbeitung von Hering zu Düngemitteln für die Landwirtschaft widmete. Das Haus diente mit seinen geräumigen Zimmern als Schlaf- und Arbeitsplatz für etwa 200 Fischer. Mit dem Rückgang der Fischerei um 1950 stand es leer und verfiel langsam. 1958 wurde es an den Stadtrand von Otaru verlegt und sorgfältig restauriert. Es ist das erste nishin goten, das die Auszeichnung als materielles Kulturgut Hokkaidōs erhielt. Die derzeitige Ausstellung erzählt von den damaligen Lebensbedingungen der Fischer. Zudem können die Handwerkszeuge besichtigt werden. Der Eintrittspreis beträgt 300 Yen (ca. 1,50 Euro). Kinder zahlen 150 Yen (ca. 0,90 Euro).

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Eine der erfolgreichsten Fischerfamilien waren die Aoyamas. Das Vermögen der Familie Aoyama wurde über zwei Generationen hinweg von Tomekichi und Masakichi Aoyama aufgebaut. Masakichis Tochter Masae gab den Anstoß für den Bau der Villa. Als sie 17 Jahre alt war, besuchte sie die prächtige Villa der Familie Honma in Sakata, in der Präfektur Yamagata auf Nord-Honshū. Masae kehrte mit dem Wunsch nach Hause zurück, dass ihre Familie eine noch schönere Villa besitzen sollte. Und so veranlasste Masakichi Aoyama, nachdem er zum Heringsmillionär geworden war, 1917 den Bau der Villa. Seine Tochter Masae und ihr Ehemann Tamiji leiteten das Projekt. Ihre Villa ist jetzt der Öffentlichkeit zugänglich und steht am äußeren Stadtrand, landeinwärts von Otaru. Die prunkvolle kyū aoyama bettei („Ehemalige Aoyama Villa“) kann für 1.300 Yen (ca. 9 Euro) besichtigt werden. Kinder bezahlen 650 Yen (ca. 4 Euro). Den Erbauern war es äußerst wichtig, hochqualitative Baumaterialien wie ausgewähltes Zypressen- und Ebenholz zu verwenden. Die besten Handwerker Japans verbrachten 6 Jahre mit dem Bau. Berühmte Künstler dieser Zeit schmückten die Innenräume mit eindrucksvollen Malereien und Kalligrafien. 310.000 Yen (ca. 1.686 Euro) wurden investiert. Das mag auf Anhieb wenig erscheinen, jedoch handelt es sich um eine hohe Summe der Zeit. Im Vergleich: Für den Bau eines luxuriösen Kaufhauses in Tōkyō wurden 500.000 Yen (ca. 2.719 Euro) aufgewendet.

Auch der wunderhübsch angelegte kare san sui („Japanischer Trockengarten“) grenzt an das Anwesen und spiegelt den Reichtum der Aoyama-Familie wider. Mit Blick auf den Garten werden im angrenzenden Restaurant Heringsgerichte angeboten. Die nishin soba („Sobanudelsuppe“) mit geräuchertem Hering wärmt den Magen und gibt neue Energie, weitere Sehenswürdigkeiten von Otaru zu erkunden.

Öllampen aus Glas: Früher für die Fischer. Heute für die Touristen. © Henry Lim / Unsplash

Die Glasbläserei von Otaru

Bis zur Mitte der Meiji-Zeit (1868–1912) florierte ebenfalls die Herstellung von Öllampen und Schwimmkörpern aus Glas in Otaru. Der Ursprung der Glasbläsereien findet sich wiederum in der Fischerei. Die Seemannsleute benötigten Kerosinlampen für die nächtliche Fischerei. Mit der Verbreitung der Elektrizität ab 1895, von Tōkyō ausgehend, sank jedoch die Nachfrage nach Öllampen für die Fischer. Die Glasmanufakturen fingen daher an, sich auf Geschirr und Glasdesign zu spezialisieren. Ab 1901 begann die Firma Kitaichi, Glaslampen und Geschirr als Souvenir an Touristen zu verkaufen. Mittlerweile rühmt sich Otaru als eine der führenden Glaskunststädte Japans. Jedes Jahr Ende Juli findet ein großer Glasmarkt in Otaru statt. Entlang der Eisenbahnschienen werden dann hunderte fūrin („Windspiele aus Glas“) aufgehängt, die der zarte Sommerwind zum Klingen bringt. Verschiedene Glasbläsereien in der Sakaimachi-Straße nahe des Bahnhofs Otaru bieten zudem Workshops (Kostenpunkt: 3.300–4.400 Yen, ca. 25–35 Euro) für Interessierte an, um mit eigenen Händen ein ganz persönliches Glaskunstwerk zu erschaffen.

Glaskunst aus Otaru: Putzige kleine Schneemänner aus Glas. © Emmi Kamm

Die Sakaimachi-Straße und die Kanäle von Otaru

Dort, wo sich heute die touristisch gut besuchte Sakaimachi-Straße befindet, war im 19. Jahrhundert der Sitz des Handelszentrums von Otaru. Die alten Lager- und Kaufmannshäuser, gebaut aus Stein, bieten heute einer Vielzahl von Geschäften Platz. Empfehlenswert ist das „Music Box Museum“, wo hunderte Spieluhren sowie kleine Orgeln aus Glas das Herz erfreuen. Im „Museum of Venetian Art“ locken zahlreiche venezianische Masken, Glaskronleuchter und Mosaike. Der kleine Abstecher nach Murano und Venedig kostet nur 700 Yen (ca. 5 Euro). Nur wenige Schritte entfernt fließt der Otaru-Kanal träge dahin. Er wurde Anfang des 20. Jahrhunderts gebaut, damit Handelsboote ohne große Mühe die Lagerhallen der Stadt anfahren konnten.

Otaru Kanal: Traumhaft nächtliche Beleuchtung. © Sung Jin Cho / Unsplash

Um den Tag abzurunden, empfiehlt sich eine Kanal-Bootsfahrt im sanften Licht der Laternen zur Dämmerungsstunde. Eine Fahrt dauert um die 40 Minuten und kostet tagsüber 1.800 Yen (ca. 15 Euro) und abends 2.000 Yen (ca. 16 Euro). Auch ein Spaziergang am Kanal im Februar zur Zeit des Otaru-Lichterfestivals wird als magisches Erlebnis im Gedächtnis bleiben.


Anfahrt und praktische Informationen

Anreise:
Von Sapporo erreicht man Otaru in etwa 35 Minuten mit der JR-Linie.

Heringshaus:
Bus Nr. 10 vom Bahnhof Otaru bis „Shukutsu“ (ca. 19 Minuten), anschließend 7 Minuten zu Fuß.
Geöffnet: 08. April–Oktober von 9:00–17:00 Uhr; ab dem 16. Oktober bis zum 23. November verkürzt bis 16 Uhr.

Ehemalige Aoyama-Villa:
Geöffnet: März–November von 9:00–17:00 Uhr; November bis März von 9:00-16:00 Uhr. Vom 29. Bis 31. Dezember enden die Öffnungszeiten bereits um 15 Uhr. Vom 01. Januar bis 07. Januar bleibt die Villa geschlossen.

Anreise per Bus (ca. 20 Minuten) vom JR Otaru Station Terminal oder mit dem Auto (ca. 15 Minuten).

Museen:

  • Museum of Venetian Art: 9:00–17:00 Uhr
  • Music Box Museum: 9:00–18:00 Uhr (bis 19:00 Uhr an Freitagen und Samstagen im Sommer)

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