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Mottainai: Die Philosophie des Nicht-Verschwendens

Kei Okishima
Kei Okishima

Ungenutztes Potenzial oder verschwendete Ressourcen – diese scheinbar ungreifbaren Konzepte lassen sich durch das japanische Wort „mottainai“ kurz und knapp auf den Punkt bringen. Es ist ein normaler, alltäglich benutzter Begriff, in dem dennoch Dankbarkeit und Wertschätzung für die Dinge des Lebens zum Ausdruck kommen.

Schale mit Goldlack verziert wird in der Hand gehalten
Auch Kintsugi-Technik, bei der Schadstellen mit Goldlack versiegelt werden, beruht auf der Philosophie des "mottainai". © photo-ac : 金谷絵梨

Das japanische Adjektiv mottainai lässt sich relativ schwer in andere Sprachen übersetzen. Grundsätzlich drückt es ein Gefühl des Bedauerns über die Verschwendung einer Ressource aus, etwa Zeit, Güter oder anderer Dinge. So wäre z. B. das ungenutzte Potenzial eines Sportlers genauso mottainai wie das Wegwerfen von übriggebliebenen Lebensmitteln oder das Versäumnis, während einer Reise in ein fremdes Land nicht die lokale Küche probiert zu haben. Je nach Kontext kommen die deutschen Begriffe „So eine Verschwendung“ oder auch „Schade“ der Bedeutung am nächsten. Laut dem einsprachigen Japanisch- Wörterbuch Kōjien hat das Wort, das bereits seit Jahrhunderten verwendet wird, drei Bedeutungen:

  1. die Götter und Buddha belästigen; rücksichtslos sein
  2. ehrfürchtig sein; dankbar sein
  3. Bedauern über eine Verschwendung [von etwas]. 

In der Geschäftswelt zum Beispiel taucht öfter die Floskel mottainai koto de gozaimasu („Das ist eine Verschwendung“) als Erwiderung auf ein (vom Vorgesetzten ausgesprochenes) Lob auf, die sowohl Dankbarkeit als auch Demut und Bescheidenheit ausdrückt.

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Wertschätzung gegenüber allen Dingen

Doch ist es vor allem die dritte Bedeutung, unter der mottainai im Alltagsleben verwendet und verstanden wird. Im Japanischen wird zusätzlich zwischen dem Wort mudazukai unterschieden, welches ebenfalls „Verschwendung“ bedeutet, aber sich eher auf Konsumgüter oder Geld bezieht – mottainai hingehen oft auf natürliche Ressourcen wie Wasser und Nahrungsmittel. Es geht darum, dem Leben und der Natur um uns herum mit Wertschätzung zu begegnen.

Die Entstehung des Begriffs wird vor allem dem Zen-Buddhismus zugeschrieben, in dem der Glauben, dass „alles auf der Welt miteinander verbunden ist“, vorherrscht und nichts als selbstverständlich gilt. Daraus ergibt sich Dankbarkeit für die Dinge, die man im Leben hat. Wenn man sich dies vor Augen führt, begreift man auch den Sinn von mottainai – das Bedauern darüber, etwas ungenutzt gelassen oder vergeudet zu haben.

Ein überlebenswichtiges Konzept

Schon in der Edo-Zeit war das Konzept des Nicht-Verschwendens nicht nur allgegenwärtig, sondern überlebensnotwendig. In dieser Ära verdoppelte sich die Bevölkerungszahl in Japan auf 30 Millionen. Es war nicht leicht, eine so hohe Anzahl an Menschen zu ernähren, Lebensmittel- und Ressourcenknappheit waren keine Seltenheit. Aus dieser Not heraus richteten sich zahlreiche Bräuche, Ess- und Lebensgewohnheiten, aber auch Berufe der Menschen, die sich auf die Wiederverwertung alter oder kaputter Dinge spezialisierten, stark nach der Philosophie des mottainai. Manche kauften alte Schirme auf, reparierten und verkauften sie anschließend weiter, andere verarbeiteten kalte Asche zu Düngemitteln oder sammelten Papierabfälle, um sie zu recyceln. Die Menschen von damals hatten keine andere Wahl als sorgfältig darüber nachzudenken, wie sie die begrenzten Ressourcen effizient nutzen und deren Verschwendung auf ein Minimum reduzieren konnten. 

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Slogan der Umweltschutzbewegung

Dieses einstige Fundament der japanischen Gesellschaft scheint mit dem Wandel der Zeit und besonders durch die Entstehung einer Massenkonsumgesellschaft ab Mitte des 20. Jahrhunderts, als Wegwerfprodukte den Markt zu überschwemmen begannen, verloren gegangen zu sein. Dennoch hat sich in der heutigen Zeit mottainai als Leitspruch der japanischen Umweltschutzbewegung etabliert. Internationale Aufmerksamkeit bekam es durch die kenianische Friedensnobelpreisträgerin und Umweltaktivistin Wangari Maathai, die das Wort 2005 während eines UN-Gipfels als Slogan für eine Umweltschutzkampagne nutzte. Sie setzte sich für die Förderung der sog. 3R-Aktivitäten (reduce = Verringerung [der Müllerzeugung], reuse = Wiederverwendung, recycle = Wiederverwertung) ein, um den Aufbau einer nachhaltigen und Recycling-orientierten Gesellschaft voranzutreiben.

Friedensnobelpreisträgerin Wangari Maathai pflanzt mit einem japanischen Kind einen Baum vor blauem Himmel.
Die kenianische Friedensnobelpreisträgerin und Gründerin der Umweltbewegung The Green Belt Movement, Wangari Maathai, 2007 in Akita, Japan. © Newscom / Alamy Stock Photo

Sich der alten Werte wieder bewusstwerden

Mottainai ist also nicht einfach nur ein Wort, das man von sich gibt, wenn man etwa keine Gelegenheit findet, die brandneuen Schuhe zu tragen. In ihm steckt der Gedanke, dass Ressourcen nicht unendlich sind und man deren volles Potenzial ausschöpfen sollte. Nicht grundlos ist zu den drei R mittlerweile ein viertes hinzugekommen: Respekt. In diesem Sinne scheint es umso wichtiger, sich die alten Werte der Edo-Zeit und des mottainai, die Wertschätzung aller Dinge, wieder bewusst zu machen.


Dieser Artikel erschien in der JAPANDIGEST April 2022-Printausgabe und wurde für die Veröffentlichung auf der Website nachbearbeitet.

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