Die Vielfalt des japanischen „Ich“

Aya Puster
Aya Puster

In der japanischen Sprache gibt es zahlreiche Bezeichnungen für das Wörtchen „Ich”. Die Verwendung der verschiedenen Varianten verrät viel über den Sprecher und sein Gegenüber. Doch welche Bezeichnungen gibt es und wie werden diese verwendet?

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Ein kleines Wörtchen mit ganz vielen Bezeichnungen: das japanische „Ich“.
Ein kleines Wörtchen mit ganz vielen Bezeichnungen: das japanische „Ich“.

„Ich denke, also bin ich“ sagte der Philosoph René Descartes, denn „wir können nicht annehmen, dass wir, die wir solches den­ken, nichts sind; denn es ist ein Wider­spruch, dass das, was denkt, in dem Zeit­punkt, wo es denkt, nicht bestehe.“ Das denkende Selbst steht in der Mitte des Daseins. Das „Ich“ gilt in der westlichen Gesellschaft als einzigartig und bleibt un­verändert. So ist es jedoch nicht in Japan. Es gibt kein grundlegendes und unverän­derbares „Ich“ in der japanischen Welt. Es fehlt dort die absolute Bezeichnung für das Selbst. Japaner verstehen sich als ein Teil der Natur und passen sich an diese an – wie das fließende Wasser in einem japanischen Garten. Das japanische „Ich“ ist je nach der Umgebung veränderbar, in welcher der Sprecher sich gerade aufhält und verhält sich je nach Umgebung und Situation anders.

Beispiel 1

Nehmen wir als Beispiel einen durch­schnittlichen Salaryman, einen Angestell­ten mittleren Alters: Herr Kagawa kommt morgens an den Frühstückstisch, wo seine Frau und sein 6-jähriger Sohn Takeshi bereits sitzen.

Frau Kagawa:「Ohayo, otōsan nani taberu?
Guten Morgen, was willst du (wörtl. „der Vater“) essen?

Herr Kagawa:Ore pan de ii.」
Mir reicht ein Brötchen.

Takeshi kann seinen gebratenen Fisch mit den Stäbchen nicht richtig schneiden. Herr Kagawa bietet seine Hilfe an:

Otōsan ni kashite goran!
Überlass das mir (wörtl. „dem Vater“)!

Als Herr Kagawa im Büro ankommt, sagt sein Chef, dass er einen wichtigen Kun­den mit dem Auto zur Fabrik fahren soll. Herr Kagawa reagiert wie folgt:

Watashi ga desu ka?
Soll ich?

Herr Kagawa grüßt den Kunden und überreicht ihm seine Visitenkarte:

Watakushi Kagawa to mōshimasu.
Ich heiße Kagawa.

Der Kunde bedankt sich bei ihm für die Mühe, ihn zur Fabrik zu fahren. Darauf antwortet Herr Kagawa:

Tondemo nai, jibun ga unten ga sukina dake de….
Keine Ursache! Ich fahre einfach gern Auto.

An diesem kurzen Vormittag hat Herr Kagawa fünf Bezeichnungen für sich selbst benutzt: ore (grobes, männliches „Ich“), otōsan („Ich“ als Vaterrolle), wata­shi (höfliches „Ich“), watakushi (sehr höf­liches „Ich“) und jibun (das Selbst). So hat er sich wie ein Chamäleon der jeweiligen Lage angepasst. Mit den unterschiedli­chen Ich-Bezeichnungen spielt die be­treffende Person die Rolle, die die japa­nische Gesellschaft von ihr erwartet. Das japanische „Ich“ wird daher stets von den „Anderen“ beeinflusst und vorbestimmt. Je öfter man eine bestimmte Bezeichnung benutzt, desto mehr wird man von sei­ner gesellschaftlichen Rolle gefärbt und schließlich fixiert. Das geht so weit, dass man an den verschiedenen Verwendungen von „Ich“ schon einen bestimmten Men­schentyp erahnen kann.

Beispiel 2

Ein praktisches Beispiel im japanischen Alltag: Man stelle sich eine Familie vor, die mit ihrem Sohn und dessen Freund, einem Baseballspieler, in einem Restau­rant etwas bestellt:

Ore, una-don.
Ich bestelle einen Reiseintopf mit Aal.

Ja, watashi oyako-don.
Ich nehme einen Reiseintopf mit Hühnerfleisch und Eiern.

Boku, karē raisu.
Für mich Curry-Reis.

Jibun wa katsudon ni shimasu.
Ich nehme den Reiseintopf mit paniertem Schnitzel.

An den obigen, japanischen Aussagen erkennt man an der Ich-Bezeichnung gleich, dass der Vater den Aal, die Mutter das Hühnerfleisch, der Sohn den Curry- Reis und sein Freund Schnitzel bestellt haben. Auf Deutsch bräuchte man hierfür Zusatzinformationen.

Mit der Verwendung von bestimmten Ich-Bezeichnungen kann man dem ei­genen Standpunkt Nachdruck verleihen. Ein gutes Beispiel ist der Regisseur Kita­no Takeshi, der in Deutschland vor allem durch Takeshis Castle als Gag-Komiker bekannt geworden ist. Dieser ist auch ein gefeierter Regisseur mit mehreren Film­preisen, dem in Frankreich der Orden Commandeur des Arts et Lettres verliehen wurde. Er hätte mit seinen Auszeichnun­gen als eine Art von Autorität sprechen können, aber er bezeichnet sich in seinen Büchern lieber mit oira, wie es unter an­derem auch der Charakter Songoku im beliebten Manga und Anime Dragon Ball tut, zumal er den Inhalt meistens diktiert. Es ist schon ungewöhnlich, im normalen Gesellschaftsleben oira zu benutzen, aber Kitano will damit womöglich seine Um­welt provozieren und sich seine anarchi­sche Narrenfreiheit sichern.

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Beispiel 3

Die Technik, durch die bestimmte Ver­wendung von Ich-Bezeichnungen Ro­manfiguren einen Charakter zuzuschrei­ben, findet man z.B. im Buch „Der letzte Shogun“ von Shiba Ryōtarō. Hier ist ein Vergleich zwischen den deutschen Über­setzungen und den Originalworten Toku­gawa Yoshinobus im Buch:

1) Ich zeige dir, wie man den Kopf rasiert.
Washi ga sakayaki no sorikata o oshiete yaru.

2) Ich möchte damit doch lieber nichts zu tun haben.
Ore wa gomen komuritai zo.

3) Es geht das Gerücht um, dass ich zum Erben des Shoguns gemacht werden soll. Das bereitet mir großes Unbehagen.
Sejō, watashi o seishi ni nado to iu uwasa ga ari, jitsuni fuyukai desu.

Unverkennbar geben die Originalsätze mit verschiedenen Ich-Bezeichnungen mehr Hintergrundinformationen wieder. Bei Nr. 1 spricht Yoshinobu als älterer, erfahrenerer Mann (hier: dem jünge­ren Dienstjungen gegenüber). Bei Nr. 2 spricht er als ein privates Individuum mit dem groben ore, während er bei Nr. 3 als Person der Öffentlichkeit spricht (es han­delt sich hier um einen offiziellen Brief an seinen Vater, den Fürsten).

Daraus lernt man, dass man in einem ja­panischen Gespräch an der Verwendung unterschiedlicher Begriffe für „Ich” merkt, welche Haltung der Sprecher oder die Sprecherin einem gegenüber einzu­nehmen beabsichtigt.


Dieser Artikel wurde für die Juli 2018-Ausgabe des JAPANDIGEST verfasst und für die Veröffentlichung auf der Website nachbearbeitet. 

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