Rückkehr aufs Land: die Suche nach dem langsamen Leben

Sina Arauner
Sina Arauner

Die Verstädterung ist in ganz Japan spürbar, ländliche Regionen leeren sich. Doch mancherorts ist ein Gegentrend zu erkennen: Familien, junge Leute aber auch fest im Leben stehende Menschen kehren der Stadt den Rücken, um die Vorzüge eines langsameren Alltags zu genießen.

Landleben Japan: Zwei Kinder auf dem Land

Die Arbeit zieht junge Leute in die japanischen Städte. Ländliche Regionen bieten kaum Karrierechancen und auch der hohe Anteil älterer Generationen an der Bevölkerung scheint die Möglichkeiten sozialer Gemeinschaft für junge Leute einzuschränken. Doch das verschmähte inaka (ländliche Gebiete) beschränkt sich längst nicht mehr nur auf rurale Gegenden. Auch Vorstädte sind davon mehr und mehr betroffen. Jedoch gibt es vereinzelt Orte in Japan, die aktiv Strategien gegen den Bevölkerungsschwund umsetzen – und damit Erfolg haben. Denn ein entschleunigtes Leben außerhalb der Städte bietet Lebensqualitäten, die man in Japans Metropolen kaum erfahren kann.

Nationale Migration: aus den Städten hinaus aufs Land

Eine 2018 veröffentlichte Umfrage der japanischen Regierung ergab, dass unter den 5.000 Befragten rund eine von vier Personen Interesse an einer Umsiedlung aufs Land hätte. Besonders stark vertreten waren die 20- bis 30-Jährigen. Einen ähnlichen Trend sieht auch das Furusato Kaiki Shien Center, das zunehmend Anfragen dieser Altersgruppe erhält. Die gemeinnützige Organisation bietet in Kooperation mit zahlreichen Präfekturregierungen Informationen und Beratung rund um den Umzug von der Stadt aufs Land. Dabei wird unterschieden, ob jemand in seine Heimat zurückkehrt (U-Turn), in einen Ort nahe der eigenen Heimat (J-Turn) oder in eine Region ohne persönliche Beziehung (I-Turn) zieht. Insbesondere I-Turner spielen bei der Revitalisierung ländlicher Regionen eine wichtige Rolle. Bei der langfristigen Niederlassung an einem Ort tragen sie positiv zur wirtschaftlichen und demografischen Entwicklung bei, sie übernehmen bereits bestehende Rollen der Lokalgemeinden und bringen neue, innovative Ideen in die Gemeinschaft.

Laut einer I-Turn-Feldstudie von 2015, durchgeführt sowohl in Vorstädten als auch in abgelegenen Regionen in den Präfekturen Nara und Kyōto, ist der Wunsch, ein ruhiges und entspanntes Leben zu führen, mit über 50 % mit Abstand der stärkste Faktor, gefolgt von dem Wunsch nach einer Beschäftigung in der Landwirtschaft und der Kindererziehung auf dem Land. Allerdings ist nicht jeder Ort dem Bevölkerungszuwachs gewappnet. Neben den geeigneten persönlichen finanziellen Umständen müssen sowohl die nötige Infrastruktur als auch die soziale Akzeptanz von Fremden durch die Gemeinde gegeben sein, damit Zugezogene sich langfristig niederlassen.

Dasselbe gilt auch für Regionen, die vermehrt internationale Migranten anziehen möchten. Erfolg scheint dabei die Präfektur Mie zu haben, die Ende 2018 rund 50.000 ausländische Bewohner gezählt hat. Neben allgemeinen, mehrsprachig verfügbaren Informationen zum Leben und Alltag in Mie und in Japan bietet die Präfektur konkrete Hilfestellung für Ausländer, etwa durch Seminare, Sprachkurse und bei der Arbeitssuche. So konnte die Präfektur 2017 bereits den Wegzug lokaler Bevölkerung nach Tōkyō mit dem Zuzug ausländischer Anwohner ausgleichen, wenn auch nicht den Bevölkerungsschwund durch die rückgängige Geburtenrate.

Wenn das Land ruft: finanzielle Anreize und langsames Leben

Wenn man nicht gerade bei Verwandten in der Heimat unterkommt, ist ein Leben auf dem Land kaum lukrativer als in der Stadt. Um den Übergang so reibungslos wie möglich zu gestalten, bieten mancherorts die lokalen Regierungen unter anderem finanzielle Anreize wie ein temporäres Grundeinkommen oder langfristige Vergünstigungen beim Hauskauf. Dies ist zwar noch keineswegs landesweit gang und gäbe, zeigt aber die Dringlichkeit des Vorhabens, Ortschaften neu zu bevölkern.

Die Regierungsorganisation Chiiki Okoshi Kyōryoku-tai ist speziell auf die Rekrutierung von Arbeitskräften für ländliche Regionen spezialisiert und unterstützt die Bewerber bei der Umsiedlung. Dabei arbeitet sie mit den lokalen Regierungen zusammen, um für die Bedürfnisse der jeweiligen Ortschaft, etwa in der Land-, Fischerei- oder Forstwirtschaft, passende Kandidaten auszuwählen. Für die Dauer von ein bis drei Jahren arbeiten Programmteilnehmer vor Ort und können ihre Tätigkeit im Anschluss als Sprungbrett nutzen, Arbeit in lokalen Unternehmen zu finden, oder aber ein eigenes Geschäft aufzubauen. 2018 haben rund 5.500 Teilnehmer in Zusammenarbeit mit 1.061 Lokalregierungen in elf Präfekturen Japans das Angebot genutzt.

Insbesondere seit der Dreifachkatastrophe im März 2011 wächst der Wunsch bei vielen, nachhaltig zu leben und sich nicht vom schnelllebigen Komfort bequemer, moderner Technologien abhängig zu machen. Junger Zuwachs in alternden Dörfern bedeutet jedoch sehr viel mehr als die Befriedigung individueller Bedürfnisse. Er ist eine Chance, Gemeinschaften neu zu beleben und mit frischen Ideen und neuen Perspektiven die Zukunft der Gesellschaft zu gestalten.

Mit dem I-Turn zur Traumerfüllung aufs Land: Weinbauer Izawa Takahisa

Grafik: Weinbauer in Japan

Ich stamme ursprünglich aus Tōkyō und war lange Zeit in einem führenden Unternehmen beschäftigt, im Finanzbereich. Viele Jahre habe ich meiner Frau gesagt „Ich möchte diese Industrie verlassen, es zieht mich aufs Land, zur Agrarwirtschaft.“ Mit 50 kam dann die Wende für mich. Voller Tatendrang verließ ich die Großstadt und zog nach Tateshina in der Präfektur Nagano. Dort baue ich nun Wein an. Wegen ihrer Arbeit und der Kinder ist meine Frau in Tōkyō geblieben. Mehrmals im Monat kommt sie mich jedoch besuchen, um mir zu helfen.


Dieser Artikel erschien in der Oktober-Ausgabe des JAPANDIGEST 2019 und wurde für die Veröffentlichung auf der Website nachbearbeitet.

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