Die dunkle Seite der Japan-Berichterstattung – Logan Paul und Japans Antwort

Matthias Reich
Matthias Reich

Auf die meisten wirken die von Logan Paul gedrehten Japanvideos, gelinde gesagt, verstörend - doch der Vlogger hat rund 20 Millionen Subscriber und kann deshalb nicht so einfach ignoriert werden. Ein japanischer YouTuber fand jedoch eine gute Antwort.

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Logan Paul (2. v. l.) bei einem Panel der New York Comic Con 2016. © Luigi Novi / Wikimedia Commons CC BY 4.0

Es dauert schon eine Weile, bis YouTube und Co. wirklich Inhalte entfernt, erst recht, wenn sie selbst erstellt wurden. Doch der junge amerikanische Vlogger Logan Paul ging dann wohl doch zu weit, als er im berühmt-berüchtigten japanischen Selbstmörderwallfahrtsort Aokigahara grinsend und witzereißend neben dem leblosen Körper eines erfolgreichen Selbstmörders posierte. Eine Aktion, die man selbst als Freund herzhaften Humors kaum verkraften kann. Das erste Wort, dass vielen Betrachtern dabei durch den Kopf gehen dürfte, ist “respektlos”. Und diese Respektlosigkeit zieht sich auch durch die anderen in Japan gedrehten Videos von Logan Paul. Das Konzept erinnert ein wenig an Ali G, eine Rolle des britischen Komikers Sacha Baron Cohen – man muss nur das Selbstkritische und das Witzige entfernen, das Cohen auszeichnet – ob man ihn nun mag oder nicht.

Verständlicherweise gab es vor allem in Japan einen Aufschrei über das Aokigahara-Video. Wenn es eine Sache gibt, mit der man in Japan nicht spaßen sollte, dann ist das der Tod – egal ob Ausländer oder Japaner. Und die hohe Selbstmordrate, mit Aokigahara als dem symbolträchtigsten Ort für das Phänomen Suizid, ist ohnehin ein schmerzhafter Stachel im Fleisch der japanischen Gesellschaft. Die Selbstmordrate ist unter anderem deshalb so hoch, weil viele Menschen das starke Gefühl haben, von ihrer Umwelt, beziehungsweise der Gesellschaft an sich, nicht respektiert zu werden. Diese Menschen dann auch noch nach ihrem Tod respektlos zu verhöhnen, ist verständlicherweise schwer zu ertragen. Versuche der zuständigen Behörden, das gruselige Image von Aokigahara loszuwerden (immerhin handelt es sich um einen fast perfekten Urwald) werden durch das Video ebenfalls torpediert.

Eine starke Botschaft zum Thema Logan Paul gab es unter anderem vom im Ausland bekannten japanischen Vlogger/YouTuber “That Japanese Man Yuta”. In einem zwölfminütigen Video erklärt Yuta das eigentliche Problem: Das Aokigahara-Video war kein Ausreißer, sondern nur eines von vielen Videos, in denen Pauls völliges Fehlen von Respekt auffällt. Die Betonung Yutas, dass so etwas in Japan nicht geduldet werden kann, ist allerdings so nicht ganz richtig. Dieses Verhalten wird in keinem Land, in keiner Gesellschaft toleriert. Yuta traf allerdings eine sehr kluge Bemerkung: Er “[…] hasse es, wenn Menschen wie Logan Paul sagen, dass die Japaner alle sehr nett seien, egal, welchen üblen Scherz man ihnen spielt” [sinngemäße Übersetzung]. Das ist in der Tat ein grobes Missverständnis. Die typisch japanische Reaktion, meistens auf Deeskalation ausgerichtet, ist lediglich die japanische Art der Konfliktvermeidung – und nicht etwa angeborene Freundlichkeit.

In einer Online-Petition forderten bereits um die 300.000 Japaner die Sperrung Logans YouTube-Kanals. Logan entschuldigte sich in einer kurzen Stellungnahme für das Aokigahara-Video (nicht aber für den Rest). Auch Google ergriff Strafmaßnahmen, die die Einkünfte des Vloggers ordentlich reduzieren dürften. Aber lohnt sich ein Verbot? Eher nicht. Logan Pauls wachsen immer und überall nach.

Das ganze erinnert ein wenig an den Fall Julien Blanc im Jahr 2014, dem selbsternannten Japanerinnenflüsterer, der in völlig abgedrehten Seminaren erklärte, wie man die weibliche Hälfte Japans ganz leicht verführen könne – und damit durchaus viel Geld verdiente. Auch damals lautete die Frage “Verbieten oder ignorieren?” Einen goldenen Mittelweg gibt es da leider nicht.

Sehen Sie hier die Videoreaktion von “That Japanese Man Yuta”:

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