Freitagabend in Sendai, der unbestrittenen Hauptstadt der Region Tōhoku: So richtig kann ich mich nicht entscheiden, wo ich heute essen möchte. Aber das soll kein Problem sein: Ich begebe mich zur „Iroha-Yokochō“. In Sendai besteht sie aus zwei langen Gängen, die parallel zueinander verlaufen. Links und rechts befinden sich kleine Lokale – insgesamt rund 100. Fast alle sind kleine oder kleinste Bars und Restaurants, betrieben von Einzelpersonen, manchmal auch von einem Ehepaar. Oft finden darin maximal zehn Personen Platz – mal etwas mehr, mal weniger.
Einige haben sich auf gegrillte Rinderzunge spezialisiert – DIE Spezialität von Sendai. Andere sind etwas für Whiskykenner. Auch italienisches Essen und frische Meeresfrüchte findet man hier.
Vor allem freitagabends sind einige dieser Bars und Restaurants bereits voll, oder man hat das Gefühl, dass man sich als Einzelgast oder Fremder dort vielleicht nicht ganz wohlfühlen würde. Andere wiederum sehen einladend aus. Als ich noch immer zögernd an der bunten Vielfalt vorbeischlendere, ruft mir eine ältere Dame zu, ich solle doch hereinkommen. Vier Gäste sitzen bereits drinnen – nur noch ein Platz ist frei. Die vier rufen unisono: „Hier schmeckt’s! Komm doch rein!“
Ich folge der Aufforderung, bin mir aber nicht sicher, was es hier eigentlich zu essen gibt. Man spricht mich zunächst zaghaft auf Englisch an und tastet sich dann langsam an mein Japanisch heran. Ich erfahre, dass es hier keine Speisekarte gibt: Gegessen wird, was die betagte Wirtin serviert. Mal gibt es dies, mal das.
Immerhin kann man die Getränke selbst wählen. Sie empfiehlt mir den Sake, den Bekannte ihrer Familie herstellen – und später bekomme ich sogar noch eine Flasche geschenkt. Sofort entbrennt mit den anderen Gästen eine Diskussion über Bier in Deutschland und Japan, über Sake und vieles mehr.
Irgendwann verlasse ich das Lokal, noch nicht ganz gesättigt, und finde mich bald darauf in einer kleinen italienischen Bar wieder – mit hervorragendem Essen, wie man es selbst in Tokyo nicht leicht findet. Neben mir sitzt, ebenfalls allein, ein junger Japaner, der seinen Rotwein und einige Appetithäppchen genießt. Er spricht sehr eloquent, und wir stellen schnell fest, dass unsere Arbeitsplätze in Tokyo nur 200 Meter voneinander entfernt liegen. Nach einer Weile erfahre ich außerdem, dass er professioneller Boxer ist.

„Yokochō“ bedeutet wörtlich „Seitenstraße“ oder „Seitengasse“. Ursprünglich bezeichnete der Begriff kleine Gassen abseits der Hauptstraßen, die verschiedene Machiya voneinander trennten – traditionelle Holzhäuser beziehungsweise Häuserblöcke, in denen die Menschen einst lebten und die heute in dieser Form kaum noch existieren. In diesen Yokochō siedelten sich häufig kleine Bars und Restaurants an.
Manchmal entstanden solche Viertel auch aus ehemaligen Märkten. Im Fall der Iroha-Yokochō, einer der größeren Yokochō Japans, befand sich hier nach Kriegsende ein großer Markt, aus dem sich später die heutigen Lokale entwickelten.
Yokochō unterscheiden sich von Stadt zu Stadt, doch eines haben sie fast immer gemeinsam: Die Menschen kommen hierher, um sich zu entspannen und den Alltag hinter sich zu lassen. Gleichzeitig lassen es sich die Besitzer nicht nehmen, ihre ganz persönlichen Vorlieben in ihre Lokale einfließen zu lassen. Deshalb ist jede Bar und jedes Restaurant auf seine Weise einzigartig.
Nicht überall wird hervorragendes Essen serviert: Man findet echte Juwelen, kann aber auch einmal enttäuscht werden. Dafür kommt man hier besonders leicht mit Menschen aus der Gegend ins Gespräch. Yokochō sind ideale Orte, um Tipps für die Reise zu bekommen und einen Einblick in das alltägliche Leben in Japan zu gewinnen.
Auch in Tokyo gibt es einige Yokochō. Erst vor wenigen Jahren entstand beispielsweise eine solche in der Nähe des Bahnhofs Shibuya am Miyashita Park, wo man sich kulinarisch von Okinawa bis hinauf nach Hokkaidō durchprobieren kann.
Etwas authentischer – aber auch deutlich lauter und voller – geht es in der alten Yokochō von Ebisu zu. Sie ist allerdings nicht ganz leicht zu finden und häufig so voll, dass Einzelgäste mitunter keinen Platz bekommen.
Egal, in welcher Stadt man sich befindet: Es lohnt sich durchaus, bei der Touristeninformation nach einer Yokochō zu fragen. Denn dort wartet oftmals das wahre Leben.







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