Der Kumano Kodō: Unterwegs auf Japans alten Pilgerwegen – Teil 2 Anzeige

Alena Eckelmann
Alena Eckelmann

In der Präfektur Wakayama liegt ein Netzwerk aus uralten Pilgerwegen, der Kumano Kodō. Mittendrin befinden sich drei heilige Großschreine: Touristen und Wanderfreunde werden mit einer faszinierenden Geschichte und atemberaubender Naturschönheit belohnt.

Kumano Kodō Weg
Die Beschilderung des Kumano Kodō Weges ist ausgezeichnet. Auch ohne Japanisch kommen Reisende gut zurecht.

Im Süden der Präfektur Wakayama auf der Kii-Halbinsel liegt die Region Kumano, die seit 1.200 Jahren als Wohnstätte der japanischen Götter und als spiritueller Kern Japans gilt. Ein Netzwerk von alten Pilgerwegen, auch kodō genannt, führt über die Halbinsel hinweg. Das Ziel der Pilger einst und heute sind die drei Großschreine von Kumano, die Kumano Sanzan. Seit 2004 sind die meisten der Kumano Kodō-Pilgerwege und die Kumano Sanzan als Teil des UNESCO Kulturerbes „Heilige Stätten und Pilgerwege in der Kii-Bergkette“ anerkannt. Einer dieser Pilgerwege ist der Nakahechi-Weg, der in den letzten Jahren in internationalen Rankings zum beliebtesten Wanderweg in Japan gekürt wurde.

Kumano – Zu Hause in japanischer Natur und Spiritualität

Ich bin Alena und Kumano ist seit zehn Jahren meine Wahlheimat. Ich wohne im kleinen Dorf Fushiogami, von Wald und Bergen umgeben und gleich am Kumano Kodō-Pilgerweg gelegen. Ich bin eine Kataribe – eine Geschichtenerzählerin – und hier ist meine Kumano Story.

Pilgern in Kumano
Kumano bietet viel Natur, ideal für Wandern, Waldbaden und Naturerfahrung.

Als Ausländerin in Kumano gelandet

Zum ersten Mal war ich im Mai 2009 in der Region Kumano. Es war ein Kurzurlaub von meinem geschäftigen Leben in Tōkyō, wo ich seit 2005 lebte und arbeitete. Ursprünglich aus einem kleinen Dorf in Sachsen-Anhalt, hatte es mich über Berlin und London nach Tōkyō verschlagen. An Metropolen war ich gewöhnt, aber die Sehnsucht nach Landleben und Natur wollte einfach nicht vergehen.

Zu dieser Zeit war der Landstrich im Süden der Kii-Halbinsel noch nicht international bekannt und selbst Japaner hat es eher selten in dieses abgelegene Hinterland verschlagen. Ich fand keinen Eintrag über den Kumano Kodō in Reiseführern, aber dafür bin ich auf das Tanabe Kumano Kodō Touristenbüro gestoßen. Zu meiner großen Überraschung war man dort auf internationale Besucher bestens vorbereitet. „Anfang gut, alles gut!“, und somit verlief meine Kumano-Schnupperreise reibungslos.

Es wundert mich nicht, dass aus dem lokalen Touristenbüro mittlerweile die DMC Kumano Travel geworden ist – ein Vorreiter in der Tourismusbranche Japans in Sachen nachhaltiges Reisen und ein Vorbild für barriere- und sorgenfreies Reisen für ausländische Besucher. Auf meiner ersten Reise hatte ich einen Aha-Moment, eine Art Mini-Erleuchtung. Meine innere Stimme flüsterte mir zu: Hier in Kumano möchte ich leben!

Es hat noch ein paar Jahre bis zum Umzug gedauert, aber inzwischen bin ich als eine der wenigen ausländischen Ortsansässigen voll ins Kumano-Geschehen integriert. Dank der Unterstützung von Kumano Travel konnte ich mich zur offiziellen Kumano Kodō-Touristenführerin für Ausländer qualifizieren. Meine Leidenschaft für Kumano ist nun meine Berufung.

Alena Eckelmann in Kumano
Hallo, ich bin Alena und seit zehn Jahren in Kumano zu Hause.

Wie ein Reisender zum Pilger wird

Auf meiner ersten Reise hatte ich in Kumano einige Tage Zeit und so beschloss ich kurzerhand, die alten Pilgerwege zu bewandern. Mit einem Bus fuhr ich vom Bahnhof Tanabe aus der Stadt heraus und nach 40 Minuten Fahrt kam ich am Takijiri-ōji an. Dieser Ōji, einer von vielen auf dem Weg nach Hongū, ist gewöhnlich der Startpunkt der Pilgerreise auf dem Nakahechi-Weg.

Der Verkäufer im einzigen Souvenirgeschäft in der Nähe des Takijiri-ōji beäugte mich neugierig und lud mich dann auf einen grünen Tee ein. „Also, pilgern willst du?“, meinte er und hielt mir prompt einen Bambus-Wanderstab und einen konischen Reisstrohhut hin. Ich solle dann auch wie eine Pilgerin aussehen!

Pilgerin in Kumano
Mit Strohhut und Bambusstab wird man in Kumano schnell zum Pilger.

Zudem seien Stab und Hut sehr praktisch, um mich vor dem Wetter zu schützen und beim Auf- und Abstieg des Geländes zu stützen. Das praktische Argument gewann und ich kaufte ihm die minimale Pilgerausrüstung ab, zumal es gerade in Strömen regnete. Kumano ist bekanntlich sehr verregnet, dafür ist das frische Grün von Moos und Farnen überall entlang des Weges eine Augenweide.

Er hat mich bis zum Ōji (ein Unterschrein der Kumano Sanzan) begleitet und mir das Shintō-Gebetsritual demonstriert: zweimal verbeugen, zweimal in die Hände klatschen und noch einmal verbeugen. Die Kumano Sanzan sind Shintō-Schreine, nur der Seiganto-ji in Nachi ist ein buddhistischer Tempel. Ob Kami oder Buddha, die Gottheiten freuen sich über eine kurze Andacht und beschützen Sie auf Ihrem Weg.

Auf meinem Strohhut standen japanische Schriftzeichen geschrieben: Aru ga mama ni (あるがままに) oder „Nimm die Dinge so, wie sie kommen“. Das ist das perfekte Motto für eine Reise durch Kumano!

Schatten einer Pilgerin
Auf dem Weg hat man Zeit zur Innenschau.

Fushiogami ist „mein“ Dorf

Fushiogami-ōji ist eine Station auf dem Nakahechi, die zwischen Hosshinmon-ōji und Hongū gelegen ist. Der Ōji hat dem Dorf den Namen gegeben: Fushiogami bedeutet „niederknien und beten“, denn von hier aus kann man zum ersten Mal einen Blick auf Hongū, das ersehnte Ziel der Pilgereise, werfen.

Fushiogami
Fushiogami ist eine Ortschaft am Kumano Kodō-Pilgerweg. Hier findet man dörfliche Idylle.

Bekannt ist dieser Ōji für ein Gedicht, dass von Izumi Shikibu (976–?) auf ihrer Pilgerreise nach Kumano verfasst wurde. Sie war in der Mitte der Heian-Periode eine Dame am kaiserlichen Hof und bekannte Dichterin. Shikibu hatte dort ihre Monatsblutung und war sehr betrübt, dass sie die Pilgerreise nicht fortsetzen konnte. Da man glaubte, Blut verunreinige die heiligen Stätten, blieb Frauen während ihrer Menstruation normalerweise der Eintritt verwehrt. Doch die Kumano-Gottheiten sandten ihr der Überlieferung nach ein Gedicht zurück und hießen sie willkommen.

Wie Fushiogami sind die Dörfer entlang des Nakahechi Kleinode des japanischen Landlebens. Hier wird noch auf herkömmliche Weise gelebt, auch wenn die Bevölkerung immer älter wird. Takahara ist das Dorf über den Wolken mit fantastischen Ausblicken und Chikatsuyu hat viele kleine Pensionen und Cafés. In Koguchi kann man sogar in einem alten Schulgebäude übernachten.

Hatenashi-Bergkette
In der Ferne liegt die Hatenashi-Bergkette, wo der Kohechi (der Kumano Kodō-Pilgerweg, der Kumano und den heiligen Berg Kōyasan mit der Region verbindet) entlangführt.

Oft sehe ich meine Nachbarn in ihren Gemüsegärten arbeiten und den Reisenden freundlich zuwinken. Manchmal pflücken sie für die Pilgerreisenden eine Satsuma, eine Spezialität aus Kumano, die unserer Mandarine ähnelt. Der Charme von Reisfeldern, Gemüsegärten, Teeplantagen und Bambushainen hat den Traum vom alten Japan in Kumano für mich zur Realität werden lassen.

Umeboshi und Otanoshi Tee
In den Dörfern entlang des Nakahechi findet man Verkaufsstände, wo die ortsansässigen Bauern Obst, Eingemachtes und Tee anbieten. Hier gibt es Umeboshi, eingelegte Pflaumen, und Otonashi-Tee. Otonashi ist der Name des lokalen Flusses: Der Tee, der dort auf den Teeplantagen geerntet wird, trägt daher auch seinen Namen.

Mein Tipp – Kumanos Superlative

Einen tollen Blick auf Hongū hat man von einer kleinen Anhöhe unweit des ehemaligen Sangenjaya-Teehauses. Ein Abzweig vom Pilgerweg führt nach oben und ist den Umweg wert. Von hier hat man einen Panoramablick auf Oyunohara, der Sandbank im Kumano-Fluss, wo der Hongū Taisha ursprünglich stand. Man sieht von weitem das größte Torii – in Japan und der ganzen Welt – winzig klein.

Blick auf Oyonohara
Der Ausblick auf Oyonohara und das größte Torii der Welt von einem Hügel in der Nähe von Sangenjaya.

In der Nähe von Hongū gibt es drei Dörfer mit heißen Quellen – Yunomine, Wataze und Kawayu. Kein Wunder, dass viele gern dort übernachten – kann man doch nach einem langen Tag seinen müden Körper wohlig im heißen Mineralwasser ausstrecken. Der kleinste Onsen der Welt heißt Tsuboyu und befindet sich in Yunomine, während man in Wataze das größte rotenburo (einen Onsen unter freiem Himmel) im Westen Japans auskosten kann. In Kawayu wiederum lädt im Winter jeden Jahres der Sennin-buro („1.000-Personen-Onsen“), ein sehr großer Onsen in einem Fluss gelegen, zum Müßiggang ein. Hier kommen Onsen-Fans so richtig auf ihre Kosten!

Auf dem Weg von Hongū nach Nachi gibt es ebenfalls viele wunderbare Aussichtspunkte, aber am besten ist der Ausblick auf die weiten Bergwelten vom Hyakken-gura Bergpass. Auch den Anblick des Nachi-Wasserfalls vergisst man nicht so schnell wieder. Noch ein Superlativ in Kumano, denn die Wassermassen am Großen Wasserfall in Nachi stürzen sich – einmalig in Japan – 33 Meter in die Tiefe.

Tsuboyu (kleinstes Onsen der Welt)
Tsuboyu, das kleinste Onsen der Welt, in Yunomine.
Onsen-Wasserlöcher
Onsen-Wasserlöcher im Fluss in Kawayu.

Rückzugsort in Kumano

Viele Plätze entlang des Nakahechi, ob in der Natur, in den Dörfern und an den heiligen Stätten, laden zum Verweilen und Entspannen ein. Hier kann man sich mit allen Sinnen der Vielfalt und Schönheit der Landschaft bewusst werden und auf den Spuren der Pilger von einst seine eigenen, spirituellen Wurzeln neu entdecken. Wie wäre es mit einer Dosis Waldbaden, zehn Minuten Meditation an einem Ōji oder stillem Gehen ohne Handy auf den alten Pilgerwegen?

Entlang des Weges kann man oft kleine Kunstwerke bewundern, die Pilger vor uns auf dem Weg erschaffen haben. Aus gesammelten Blättern wird ein Mandala und aus Steinen eine Pagode. Inspiriert von der Natur kommen einem die Zeilen für ein Haiku fast von allein in den Sinn. Auf einer Postkarte verewigt, kann man sie am Hongū Taisha in den Briefkasten stecken und so persönliche Grüße aus Kumano an Freunde und Verwandte in aller Welt versenden.

Für mich ist Kumano ein Ort des langsamen Lebens, der Ruhe und Heilung. Ich lade Sie nach Kumano ein, um Besinnlichkeit und Achtsamkeit auf Japanisch zu erleben – sorgenlos das Flair des japanischen Landlebens zu genießen und für ein paar Tage in die Weite der Natur von Kumano abzutauchen. 

Herbst in Kumano
Die Natur lädt ein, kreativ zu werden. Der Herbst ist ideal für eine Kumano-Kodō-Pilgerreise oder Wanderung.

Lesen Sie auch Teil 1 meiner Kumano-Story!


Für mehr Informationen zu Anfahrt und weiteren Sehenswürdigkeiten der Präfektur Wakayama klicken Sie auf das Logo des offiziellen Wakayama Reiseführers “Visit Wakayama” (Deutsch)!

Visit Wakayama

Weitere Informationen zu Übernachtungsmöglichkeiten und Reservierungen auf dem Kumano Kodō gibt es bei Kumano Travel (Englisch)!

Kumano Travel

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