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Leere Gänge: Japans Unis gehen die Studenten aus. (c) Pakutaso

Studentenmangel: Japanische Universitäten in Not

Der demografische Wandel ist in Japan drastisch: Eine über Jahrzehnte schwache Geburtenrate gepaart mit deutlich gestiegener Lebenserwartung sorgt für die rapide Überalterung der Bevölkerung. Und es sorgt für ein anderes, weitreichendes Problem: Schulen und Universitäten gehen die Schüler aus.

So ziemlich genau die Hälfte der japanischen Schulabgänger studiert im Anschluss an die Oberschule an einer der rund 800 Universitäten – drei Viertel davon an privaten Unis. Innerhalb der vergangenen 30 Jahre hat sich die Zahl letzterer verdoppelt. Doch was passiert, wenn die potentielle Zahl der Universitätsstudenten merklich abnimmt?

Zum einen nimmt natürlich die Zahl derer ab, die sich überhaupt zur Eintrittsprüfung anmelden. Und konsequenterweise nimmt damit auch die Zahl derer ab, die diese Prüfung bestehen.

Doch vor allem im Japan, mit seiner Mischung aus privaten Bildungseinrichtungen und denen der öffentlichen Hand, herrscht knallharter Wettbewerb. Vor allem eine private Universität braucht eine gewisse Anzahl zahlender Studenten, um den Betrieb aufrechterhalten zu können.

Wandel des Studiums in Japan

Zwar nimmt die Zahl der Kinder und Jugendlichen schon seit Jahrzehnten ab, doch bisher konnte diesem Trend an den Universitäten noch entgegengewirkt werden. Zugute kam vielen Unis zum Beispiel, dass die sogenannten tandai  短大 („Kurzuniversitäten“) mit verkürzten Studiengängen immer unbeliebter wurden – der Trend ging zum vierjährigen Studium, und dementsprechend verbrachten mehr Studenten als früher anstatt von zwei Jahren vier Jahre an der Universität.

Während in den 1990ern noch rund ein Viertel der japanischen Oberschul-Absolventinnen an einer Kurzuni studierte – fast alle Kurzunis sind Frauen vorbehalten – so waren es 2015 nur noch weniger als 10%. Tendenz abstürzend. Doch der vollen Wucht des demografischen Wandels können auch die großen, „normalen“ Unis spätestens 2018 nicht mehr ausweichen.

Schon seit Jahren geistert deshalb der Begriff 2018nen-mondai 2018年問題 (2018-Problem – die Anlehnung an das Informatikschreckgespenst Y2K ist gewollt), durch die Bildungsträger. Die Universitäten schauen so seit Jahren zu, wie sie langsam, aber unausweichlich auf einen Abgrund zusteuern. Schlimmer noch: Besserung ist weit und breit nicht in Sicht.

Welche Maßnahmen werden ergriffen?

Der demografische Wandel Japans trifft in erster Linie die privaten Universitäten, denn die müssen wirtschaftlich arbeiten. Dem 2018-Problem tritt man dort mit verschiedenen Maßnahmen entgegen.

So wurde zum Beispiel die Zahl der fest angestellten Lehrkräfte innerhalb der vergangenen Jahre um über 40 Prozent reduziert. Eine weitere Möglichkeit, zu überleben, ist die Umwandlung von privater zu öffentlicher Trägerschaft – so bereits bei sechs Universitäten geschehen.

Für die Studenten ist das in der Regel ein Gewinn, denn während die Studiengebühren an privaten Universitäten weit über eine Million Yen pro Jahr (rund 10.000 Euro) betragen, bezahlen die Studenten an öffentlichen Universitäten nur etwas mehr als die Hälfte. Für die Lehrkräfte, und das schließt zum Beispiel auch die ausländischen Sprachlehrer mit ein, sind jedoch schwere Zeiten angebrochen: Viele müssen sich mit Kurzverträgen herumschlagen und wissen so nicht, ob sie im nächsten Jahr noch dabei sind oder nicht.

Universität des Dritten Lebensalters als Lösung?

Vermehrt werben Universitäten auch um ältere Semester: Immer mehr Unis bieten spezielle Eintrittsprüfungen und Studiengebühren für Senioren an, denn wenn es an einem nicht mangelt in Japan, dann an zahlungskräftigen Senioren.

Trotzdem muss vor allem bei den „besseren“ Universitäten befürchtet werden, dass die Aufnahmekriterien aufgeweicht werden. Bisher konnten die Universitäten sich erlauben, mittels center shiken センター試験, der zentralen Aufnahmeprüfung, und anderen Prüfungen die Spreu vom Weizen zu trennen und nur die besten aufzunehmen.

Doch wenn die Zahl derer, die die Kriterien erfüllen, stetig sinkt, wird die Messlatte tiefer gelegt, um das Soll zu erfüllen. Der Standard sinkt, und das ist die eigentliche Gefahr. Dass die eine oder andere Universität schließen muss, ist unvermeidlich. Dass aber der akademische Standard in Japan sinkt, muss vermieden werden – etliche japanische Universitäten haben sich in Sachen Forschung einen guten Ruf erarbeitet, und das muss auch so bleiben, damit die japanische Wirtschaft wettbewerbsfähig bleibt.