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Ikigai oder das Glück im Alltag

Sina Arauner
Sina Arauner

In unserer modernen, schnelllebigen Gesellschaft ist das Streben nach Glück nicht immer ein leichtes Unterfangen. Verbirgt sich hinter dem japanischen Konzept "ikigai" etwa der Schlüssel zu unserem Glück?

lächelnde frau
(c) kazukihiro / pakutaso

Ikigai – der Begriff taucht immer wieder in Artikeln über das Glücklichsein auf, neben dem dänischen Hygge und dem französichen Raison d’être. Rein semantisch ist der Begriff dem französischen recht nahe: Iki 生き bedeutet „leben“ und kai 甲斐 bedeutet „Wert, Nutzen“. Ikigai meint also etwas, das das Leben lebenswert macht – Fall abgeschlossen?

Nicht ganz: Bei genauerer Untersuchung des Begriffs – und vor allem dessen alltäglicher Bedeutung in Japan – stellt sich heraus, dass er gar keine universale Bedeutung trägt, sondern sehr individuell interpretiert wird. Wie kann also ikigai dabei helfen, ein glückliches Leben zu führen?

Die Geschichte von ikigai

Bereits im 14. Jahrhundert tauchte der Begriff ikigai in dem historischen Kriegs-Epos Taiheiki auf. Dort bezieht er sich auf die Erfüllung sozial anerkannter Werte und drückt sich unter anderem im Kontrast zum gegenteiligen Sentiment shinigai („Wofür es sich zu sterben lohnt“) der Krieger aus. Auch im Soga Monogatari (ebenfalls 14. Jh.) bezieht sich ikigai auf soziale Rollenkonstrukte: In diesem Fall sind es die Eltern der Gebrüder Soga, deren Lebensinhalt mit dem Tod ihrer Söhne verschwinden würde.

Erst nach der Edo-Zeit entfernte sich der Begriff von der Erfüllung sozialer Rollen. Nachdem er in der japanischen Literatur einige Zeit in der Versenkung verschwand, waren es schließlich Autoren wie Natsume Sōseki, die im 19. und 20. Jahrhundert ikigai unter der modernen Prämisse der individuellen Selbsterfüllung wieder zum Leben erweckten.

Ikigai in der japanischen Gesellschaft

Was bedeuten diese zwei Konzepte nun für ikigai in der japanischen Gesellschaft? Das Ergebnis einer Umfrage des japanischen Central Research Service von 2010 zeigt, welche Lebensinhalte die 1.039 Befragten als ikigai verstehen (Mehrfachnennung möglich): Hobbys & Freizeit (51,2 %), Familie & Haustiere (49,5 %), Arbeit & Studium (34,4 %), Freunde (32,6 %), Gesundheit (19,7 %) und soziale Aktivitäten (11,6 %).

diagramm zu ikigai

Statistiken wie diese sind im Bezug auf das persönliche Glücksempfinden durchaus kritisch zu betrachten. Laut dem Kulturanthropologen Gordon Mathews schließen solche Umfragen nur das gesellschaftsorientierte Konzept ein, Teil einer Gruppe – und weiterführend – der Gesellschaft zu sein. Die Erfüllung durch Hobbys, etwa die Teezeremonie, sei gar nicht möglich, außer man widme sein Leben der Ausübung dieser Aktivitäten. Dieser Ansicht kann man nun zustimmen oder nicht, aber der Kern der Aussage trifft ein empfindliches Thema: Wenn ikigai an soziale Rollen geknüpft ist (z.B. Eltern, Angestellte usw.) – was passiert nach der Aufgabe dieser Rollen?

In Japan zeigt sich diese Problematik vor allem bei älteren Generationen. In sogenannten ikigai-Zentren werden Aktivitäten für SeniorInnen angeboten, die so im Ruhestand oder nach dem Erwachsenwerden der eigenen Kinder einen zweiten Sinn im Leben finden sollen. Auch das Angebot an Hilfestellungen im Internet sowie der medialen Berichterstattung weist immer wieder auf dieselbe Frage hin: Wofür lohnt es sich im Alter, zu leben?

Ikigai als Selbstverwirklichung

Stellt man die Frage nach ikigai nun in einem persönlichen, individuellen Kontext, sind die Antworten so unterschiedlich, wie sie in einer einzigen Umfrage kaum erfasst werden könnten. Manch grundlegende Antworten tauchen jedoch immer wieder auf. So etwa: „Ikigai liegt irgendwo zwischen Spaß und Bestimmung“ und „Ikigai kann nicht bewusst erreicht werden. Man spürt es, wenn man es hat und will es nicht verlieren.“

Solche Antworten scheinen Mathews‘ Theorie zu stützen: Nicht die Arbeit oder das Ergebnis einer bestimmten Aktivität erzeugen ikigai. Vielmehr die Faszination und Leidenschaft bei dieser, um der reinen Selbstverwirklichung willen, erwecken das Gefühl der Erfüllung. Was heißt das nun für die Hilfesuchenden, die ihrem Leben durch ikigai einen Sinn geben wollen, der nicht durch konventionelle soziale Modelle wie die Arbeit oder das Familienleben gedeckt wird? Es ist leicht, in gesellschaftlichen Konventionen das eigene Glück zu suchen. „Ich will Karriere machen“, „Ich will eine Familie gründen“ oder „Ich will etwas Gutes für diese Welt tun“ sind nur ein paar Beispiele. Vielleicht ist es ratsam, zu hinterfragen, weshalb man diese Ziele erreichen will und zu versuchen, die Einheit nicht mit der Gesellschaft, sondern mit sich selbst zu suchen und so ikigai zu erfahren.

was ist ikigai?

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