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Taifune mit Folgen: Schwere Schäden in Japan

Matthias Reich
Matthias Reich

2019 wird in Japan als Jahr der schweren Taifune in Erinnerung bleiben – vor allem für die Bewohner von Tōkyō und Umgebung. Obwohl man eigentlich gut gerüstet ist, offenbarten vor allem die Taifune Nummer 15 und 19 besorgniserregende Schwachstellen

Shibuyagawa bei Hochwasser
Der Shibuyagawa, der durch Tōkyōs Stadtzentrum fließt, ist in der Regel nur einige cm tief. Durch Dauerregen und Stürme hat er allerdings eine Tiefe von bis zu 3 m erreicht.

Das Bild ging um die Welt, und ließ Eisenbahnfans das Herz bluten: In einem Betriebswerk der JR East-Eisenbahngesellschaft standen zehn nagelneue Shinkansen der erst vor wenigen Jahren eingeweihten Hokuriku-Trasse unter Wasser. Und obwohl der Großteil der Waggons zwar aus dem Wasser schaute, sah man sich letztendlich genötigt, alle zehn Züge mit je zwölf Waggons zu verschrotten – eine Reparatur wäre noch teurer geworden. Ein Waggon allein kostet rund 2,5 Millionen Euro– das sind also 30 Millionen pro Zug und damit 300 Millionen Euro allein für diese Shinkansen. Und da sind die Abwrackkosten und Schäden durch Zugausfälle noch nicht einmal eingerechnet. Das war längst noch nicht alles – so wurde die beim Erdbeben und Tsunami von 2011 zerstörte und erst nach acht Jahren wiedereröffnete Kyū-Yamada-Linie in Tōhoku wieder so stark zerstört, dass es erneut mehrere Jahre dauern wird, bis die Bahn wieder fahren kann.

Doch das waren nicht die schlimmsten Schäden. 90 Menschen verloren allein während Taifun Nummer 19 (Hagibis) ihr Leben, 5 gelten als vermisst. Fast genau 100.000 Wohnungen wurden teils oder völlig zerstört. 140 Dammbrüche wurden registriert, an 71 Flüssen in insgesamt 13 Präfekturen. Auch in Tōkyō, am Tama-Fluss, sah es zeitweise sehr kritisch aus. Es fehlte nur noch ein bisschen, um Teile von Tōkyō wie eine Badewanne volllaufen zu lassen. Die Gesamtschäden werden soweit auf rund 2 Milliarden Euro beziffert.

tamagawa bei schönem wetter
Der Tamagawa am 9. September 2019...

Zu allem Übel regnete es buchstäblich auch noch auf die, die schon vorher nass waren: Taifun Nummer 15 (Faxai) verwüstete weniger als einen Monat zuvor weite Teile der Präfektur Chiba. Dort sind auch über zwei Monate nach dem Taifun noch rund 60.000 Häuser unbewohnbar, der Gesamtschaden wurde auf fast eine halbe Milliarde Euro geschätzt. Ein großes Problem nach diesem Taifun waren nicht nur unzählige abgedeckte Dächer, sondern vor allem umgeknickte Strommasten. Diese sind in der Regel für Windgeschwindigkeiten bis 50 Meter pro Sekunde, also 180 Stundenkilometer, ausgelegt – bei Nummer 15 wurden jedoch Spitzen bis 60 m/s gemessen. Das Problem: Rund 98,5 % der Strom- und Telefonleitungen verlaufen in Japan überirdisch. Knicken diese um, gibt es entsprechend nicht nur Strom-, sondern auch Telekommunikationsausfälle. Schlimmer noch: Die umgeknickten Masten versperren die Straßen und schneiden so ganze Gegenden von der Umwelt ab. Wie dieses Problem jedoch behoben werden kann, steht noch in den Sternen. Gern wird gesagt, dass oberirdische Leitungen für Japan besser seien – sie können nicht überflutet werden, und nach Erdbeben sieht man sofort, wo Leitungen gekappt wurden. Der wahre Grund für den enormen Anteil oberirdischer Leitungen sind jedoch die Kosten. Alles unter die Erde zu verlegen würde jedes Budget sprengen und kann nicht innerhalb weniger Jahre bewerkstelligt werden.

Auch Taifun 19 machte sich an Stellen bemerkbar, an denen man es nicht erwartet hätte; ganz offensichtlich auch im Betriebslager von JR East. Wäre das Gelände mit den parkenden Shinkansen in den sogenannten Hazard Maps als potenziell überschwemmungsgefährdet ausgewiesen gewesen, hätte man die Shinkansen ganz sicher woanders geparkt (beziehungsweise idealerweise das Werk anderswo errichtet). Die japanische Airline JAL war da cleverer: Sie schickte alle großen Flugzeuge, die nicht anderswo untergestellt werden konnten, kurzerhand nach Hawaii, um dort dem Ende des Sturms auszuharren.

tamagawa bei regen
... und am 25. Oktober 2019.

In Musashi-Kosugi in Kawasaki, ein seit ein paar Jahren sehr beliebtes Wohngebiet, geschah etwas, was möglicherweise den Bau- und Immobilienmarkt in Tōkyō und Umgebung nachhaltig beeinflussen könnte. Dort stehen zahlreiche bis zu 50 Stockwerke hohe “Tower Mansions” – Wohnhochhäuser mit sehr teuren und luxuriösen Apartments, die im Schnitt weit über eine halbe Million Euro kosten. In einem der neuesten Hochhäuser geschah das Undenkbare: Wasser drang in den Turm ein und überflutete sowohl die unterirdischen Parketagen als auch die gesamte Elektrik. Die Folge: Zehn Tage Stromausfall, ergo auch keine Fahrstühle, und natürlich hunderte Autos, die nur noch Schrott sind. Die Bewohner im Hochhaus haben sich natürlich gegen alles versichert – nur nicht gegen Wasserschäden, denn die erwartete niemand.

Nummer 19 galt als schwerster Taifun in der Gegend seit 60 Jahren. Doch die traurige Erkenntnis, dass solcherlei Rekorde auch in Japan in Zukunft schneller und häufiger gebrochen werden, ist schon lange gereift. Da bleibt nur, aus diesen Ereignissen zu lernen und die Erkenntnisse in Maßnahmen umzuwandeln.

taifunIm Fall der Fälle: Was tun beim Taifun in Japan?In den letzten Jahren ist Japan mit einer immer länger andauernden Taifun-Saison und immer stärkeren Stürmen konfrontiert. Japan Digest erkl...16.09.2016

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