Da liegt was in der Luft

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Jeder hat seine eigenen Gründe, Japan zu mögen. In der folgenden Kolumne erzählt der Autor von seinem ganz persönlichen Favoriten: Die allgegenwärtige Musik, die den japanischen Alltag in den verrücktesten Formen durchdringt.

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Verschwommene Lichter
(c) GetHiroshima

Eine Frage, die Sie oft hören werden ist „Mögen Sie Japan?“ Sie fungiert als rhetorischer Türöffner für das noch dringendere „Was mögen Sie an Japan?“
Immer mehr ist das für mich der Moment, in dem ich anfange, über die Musik zu reden. Nicht J-Pop oder irgendeine andere Form von Musik. Was ich meine ist die wundervolle, absurde Weise, auf die Musik in das Alltagsleben in Japan eindringt.

„Aber Musik gibt es doch überall“, sagen Sie. Das stimmt und möglicherweise bin ich zu leicht rumzukriegen, aber ich kann mich nicht daran erinnern, zu Hause jemals auf diese Weise überrascht worden zu sein. Diese Überraschung rührt sowohl von musikalischen Traditionen her, die mir absolut fremd sind, als auch der Art, in der vertraute Lieder regelrecht überfallen, und mit einer neuen Bedeutung versehen und verfremdet werden.

Wenn Sie auf Reisen sind, dürften Sie schon die Nase voll haben von den endlosen Schlaufen zittriger koto-Musik, die in Tempelgärten ertönt, oder den nervigen Melodien, die bis zum Erbrechen in den Zügen gespielt werden. Aber hören Sie etwas länger, etwas genauer hin.

Ich erinnere mich an das erste Mal, als „Auld Lang Syne“ immer und immer wieder gespielt wurde, um zu signalisieren, dass es so langsam an der Zeit war, uns aus dem SOGO Einkaufszentrum zu verziehen. Schließlich mussten die Wände gewischt und die Schaufensterpuppen gewachst werden. Ich wusste sofort, was man von uns wollte, und selbst wenn ich es nicht gewusst hätte, die bloße Wiederholung hätte mich schon früher oder später in Richtung Ausgang getrieben.

Wenig später saß ich in einer Cafékette, umgeben von freundlichen Frauen mittleren Alters, die durch Möbelkataloge blätterten. Aus den Lautsprechern über uns hörte man Trent Reznor „I want to fuck you like an animal“ [aus dem Lied „Closer“ von Nine Inch Nails, Anm. d. Red.] stöhnen. Ich sah mich um in der vergeblichen Hoffnung auf ein Gespräch darüber, welche Art von Tier Trent Reznor da im Sinn hatte. Eine Hauspute? Eine Seefledermaus? Ich fühle mich immer noch betrogen.

Und einmal, in einer Bäckerei in Ujina, wurde ich von einem Kinderchor überfallen, der irgendwas mit dem Titel „The Bible Tells Me to Be Healthy“ trällerte. Ich war gerade dabei, mir ein klebriges Käsebrötchen zu kaufen.

Zur winterlichen Jahreszeit wird’s so richtig interessant. Die Hintergrundmusik ist nie so wirklich im Hintergrund, oder? Sie ist sogar laut und es sei Ihnen verziehen, dass Ihre Gedanken in die Finsternis abschweifen, wenn Sie das nächste Mal dazu genötigt werden „Last Christmas“ zu durchleben, ein Lied, für das irgendwer, irgendwo mit einem langen, nassen Strick verprügelt werden sollte. Andererseits freue ich mich, Robert Burns [Dichter von „Auld Lang Syne“, Anm. d. Red.] gegen das angenehm schauerliche gagaku einzutauschen – die traditionelle japanische Hofmusik, die an Silvester überall erklingt. Das seltsame, insektenähnliche Brummen der Bambus-shō [Mundorgel in der höfischen japanischen Musik, Anm. d. Red.] hat mich bisher noch nie gelangweilt. Es ist einfach eine zu eigentümliche Erregung, als dass man sich je daran gewöhnen könnte und ich habe die Vermutung, dass es immer ein Gefühl des Fremdseins in mir auslösen wird, egal wie lange ich in Japan lebe.

Silvester ist auch der Abend, an dem wir mit der Familie zusammensitzen und Kōhaku auf NHK gucken, ein greller, vierstündiger „Gesangswettbewerb“, der weibliche und männliche Künstler gegeneinander antreten lässt. Außerdem ist es ein alljährlicher Beweis für die in der Popmusikindustrie herrschende Freiheit von so banalen Belangen wie Talent, Originalität oder sogar bloßes Können. Irgendwie habe ich mir eingeredet, dass es Spaß macht und jetzt tut es das auch. Um Mitternacht beginnt NHK die Liveübertragung von Tempelglocken, die im ganzen Land 108 Mal geläutet werden. Dies signalisiert einen Massenabstieg in den örtlichen Schrein, wo man von allem Bösen des vergangenen Jahres gereinigt wird, nur um erneut mit dem Sündigen beginnen zu können, noch bevor die Sonne überhaupt aufgegangen ist.

Und nicht zu vergessen: der sanftere Stil des Nachtlebens. Ich bin ja nicht wild auf enka oder andere abebbende Popgenres, aber Misora Hibari Shina no Yoru singen zu hören während man shōchū und heißes Wasser trinkt, ist meines Erachtens der schnellste Weg, um sich hoffnungslos in die Toten zu verlieben. Eine Handvoll trauriger min’yō-Volkslieder, die man zu später Stunde noch hört, haben mir schon so manch einen Schauer über den Rücken laufen lassen, wie noch keine andere Musik je zuvor.

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Und auch, wenn Sie Karaoke nicht mögen: Seien Sie versichert, dass Karaoke Sie vergöttert, besonders nach dem dritten Bier. Vor allem für Reisende wäre es doch ein wenig geizig, einer dunstigen, kleinen Bar Ihre ganz eigene Interpretation von „Tiny Dancer“ zu verwehren, oder?

Viele Bars und Cafés dienen teilweise als Orte, wo die Besitzer ihre Plattensammlungen mit anderen teilen können. Japan ist sehr empfänglich für musikalische Trends und mit jeder Welle, die bricht und abebbt, ist das Ufer übersät mit eingefleischten Fans, die hier und da gestrandet sind. Wenn man mehrere tausend Aufnahmen von Fado oder Funk oder British folk hat, was bleibt einem noch übrig, als sie der Öffentlichkeit zugänglich zu machen? Murakami Harukis erloschene Jazz Bar Peter Cat ist so ein Beispiel. Und welcher Ort wäre besser geeignet, einen grauen Nachmittag zu verbringen, als an der Bar einer melancholischen Cafébesitzerin, wo wir in die Dunkelheit einer halbleeren Tasse starren und uns Balladen anhören über das Ertrinken von Lissabonner Prostituierten?

Sie wissen, was ich meine. Halten Sie Ihre Ohren offen. Und sagen Sie uns Bescheid, wenn Sie irgendwas Gutes hören.

Dieser Artikel wurde am 01. Dezember 2014 von Matt Mangham für GetHiroshima verfasst und für die Veröffentlichung auf JAPANDIGEST nachbearbeitet.

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