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Die Aum-Sekte: Terror in Japan

Christiane Süßel
Christiane Süßel

Die Aum-Sekte steht in Japan für Terror: 1995 wurden bei einem Giftgasanschlag auf die Tōkyōter U-Bahn 13 Menschen getötet und 6.000 verletzt. Doch wer waren eigentlich die Attentäter und was ist aus der Sekte geworden?

Gesuchte Verbrecher der Aum-Sekte.
Auch 2009 werden noch immer Mitglieder der Sekte werden im ganzen Land gesucht. © Geoff Stearns / CC BY 2.0

Japan gilt dank seiner niedrigen Kriminalitätsquote weithin als friedliches Land. Doch dieser vermeintliche Frieden auf dem Archipel hat Mitte der 1990er Jahre einen tiefen Riss bekommen. Am 20. März 1995 verübte die Aum-Sekte (Ōmu Shinrikyo) einen Giftgasanschlag auf die Tōkyōter U-Bahn, bei dem 13 Menschen starben und 6.000 verletzt wurden. Im vergangenen Sommer wurden die Hauptangeklagten hierfür hingerichtet.

Die Stationen der Hibiya Linie, wo der Sarin-Giftgasanschlag stattfand.
Das Sektenmitglied Toru Toyoda platziert in einem U-Bahn-Waggon der Hibiya-Linie eine Plastiktüte mit dem Nervengas Sarin und zersticht diese, sodass das Gas entweichen kann. Er selbst verlässt den Zug. Die Bahn fährt weiter und wird schließlich im Bahnhof Kasumigaseki angehalten. © Torsodog / CC BY-SA 3.0

Der Terror der Aum-Sekte

Es war ein Montagmorgen. Die U-Bahnen in Tōkyō waren wie immer unter der Woche voll mit Pendlern, in den überfüllten Zügen eingepfercht und den Attentätern wehrlos ausgeliefert. Im Chaos des Berufsverkehrs platzierten Mitglieder der Aum-Sekte in drei Zügen elf Plastiktüten mit dem Nervengas Sarin. Im Tōkyōter Regierungsviertel stachen sie mit Schirmen Löcher in die Tüten, woraufhin sich das Nervengift schnell ausbreitete. Binnen weniger Sekunden stieg das toxische Gas in die Atemwege der Passagiere, die um Luft rangen und sich erbrachen. 13 Menschen starben, einige der Opfer erblindeten oder sind seitdem gelähmt. Der Anschlag sollte eine bevorstehende Razzia gegen das Hauptquartier der Sekte in Kamikuishiki in der Präfektur Yamanashi verhindern. Er war der Höhepunkt einer Anschlagserie der Weltuntergangssekte, die eine große Polizeiaktion auslöste.

Protest gegen die Aum-Sekte.
Nach dem Anschlag auf die Tōkyōter U-Bahn regen sich im Land immer wieder Proteste gegen die Aum-Sekte.

Wer waren die Attentäter?

An der Spitze der Sekte stand ihr Gründer Asahara Shōkō. Er wurde als Matsumoto Chizuo 1955 in Yatsushiro, in der Präfektur Kumamoto, als Sohn eines Herstellers von Reisstrohmatten (Tatami) geboren. Asahara wuchs in armen Verhältnissen auf, bewarb sich nach dem Schulabschluss an der Universität Tōkyō, fiel aber durch die Aufnahmeprüfung der Eliteuniversität durch. Nach dieser Niederlage widmete er sich dem Studium der Akupunktur und der traditionellen chinesischen Medizin. 1984 gründete er die Yogaschule Ōmu shinsen no kai (オウム神仙の会). Ein Jahr später reiste Asahara zum Dalai Lama nach Dharamsala und verlautbarte, er habe im Himalaja die Erleuchtung erfahren. Aus der Yogaschule wurde in der Folge die Sekte Ōmu Shinrikyo (オウム真理教).

Das Aum, im Japanischen Ōmu, bezeichnet ein bekanntes hinduistisches Mantra und steht für tiefe Wahrheit. Die Ideologie der Sekte vermischte sowohl hinduistische als auch buddhistische Glaubenssätze und flocht später auch christliche Weltuntergangsprophezeiungen und Gedanken des Science-Fiction Autors Isaac Asimov ein.

1987 expandierte die Sekte ins Ausland, zunächst in die USA aber verstärkt auch nach Russland. Eine Niederlassung des „Buddhismus- und Yoga-Centers“ wurde auch in Bonn gegründet. 1995 hatte die Sekte nach Schätzungen weltweit etwa 40.000 Mitglieder, davon 10.000 in Japan und fast 30.000 in Russland. 1989 erlangte die Gruppe in Japan den Status einer religiösen Organisation, was ihr Steuerfreiheit bescherte. Ende der 1980er Jahre kandidierte der politische Arm der Sekte als Shinritō (真理党) für das japanische Parlament, scheiterte aber kläglich. Neben einem Büro in Tōkyō und dem Hauptsitz in Kamikuishiki gab es Zweigstellen in Ōsaka, Fukuoka, Nagoya, Sapporo aber auch in New York und Russland.

Zweigstelle der Aum-Sekte in Yokohama
Die Sekte hatte innerhalb Japans diverse Zweigstellen, unter anderem in Yokohama. © Yanagi774 / CC BY-SA 3.0

Krude Ideologie

Asaharas Doktrin war es, der Dritte Weltkrieg komme und die Welt werde untergehen. Er datierte die Apokalypse auf das Jahr 1997. Nur die Aum-Mitglieder würden sie überleben, so seine Proklamation. Zur Abwehr begann die Sekte, am Hauptsitz in Kamikuishiki Saringas herzustellen und illegale Waffen zu bauen. Die von ihm angeordneten Morde rechtfertigte der Guru damit, die Seelen der Toten würden ins Himmelreich aufgenommen. Die ersten Morde begingen seine Anhänger im November 1989 an dem Anwalt Sakamoto Tsutsumi, dessen Frau und seinem einjährigen Sohn. Der Anwalt geriet ins Visier, weil er Angehörige von Anhängern vertreten hatte. Im April 1994 schlug ein erster versuchter Anschlag auf das Tōkyōter Regierungsviertel fehl. Im Juni folgte ein Anschlag mit Sarin in Matsumoto in der Präfektur Nagano, bei dem sieben Menschen starben und 58 wurden verletzt wurden.

Asahara Shōkō wurde nach dem Tōkyōter Giftgasanschlag am 16. Mai 1995 in einer drei Meter langen und 50 Zentimeter hohen Geheimkammer im Hauptquartier in Kamikuishiki aufgefunden. Der halbblinde Guru gab ein eher jämmerliches Bild ab. Von seinem Charisma war wenig zu spüren. Einer seiner Anhänger fragte im Rahmen der Aufarbeitung seinen Ex-Guru nach dessen Motiv, die Verbrechen und Morde in Auftrag zu geben. Asahara antwortete hierauf nur mit unverständlichen Worten und blieb jedwede Erklärung schuldig. Der Sektenanführer wurde 2004 vom Tōkyōter Bezirksgericht und zwei Jahre später dann vom Obersten Gerichtshof zum Tode verurteilt. Während der Prozesse schwieg Asahara. Sein Verteidiger plädierte, sein Mandant sei psychisch nicht in der Lage den Prozess durchzustehen. Das Oberste Gericht befand jedoch, Asahara sei mental gesund.

Neben Asahara wurden am 6. Juli 2018 auch Nakagawa Tomomasa (55), Hayakawa Kiyohide (68), Inoue Yoshihiro (48), Tsuchiya Masami (53), Endo Seiichi (58) und Niimi Tomomitsu (54) gehängt. Am 25. Juli 2018 wurden weitere sechs zum Tode Verurteilte hingerichtet. Insgesamt zeichnet die Sekte für 29 Tote verantwortlich. 13 Straftaten konnte man ihr zuordnen. Die Anklageschriften der 191 verfolgten Aum-Mitglieder lauten auf Mord, versuchten Mord, Entführung, Herstellung von Nervengas und Besitz illegaler automatischer Waffen.

Die Nachwehen

Für seine jungen Anhänger verkörperte der Guru eine charismatische Vaterfigur. Er bot ihnen eine Möglichkeit, aus den Zwängen der japanischen Gesellschaft auszubrechen. Asahara, der sich selbst als Christus und den ersten Erleuchteten seit Buddha bezeichnete, hielt Vorträge an Universitäten und schrieb Bücher. Seine japanischen Anhänger waren in der Regel gut ausgebildete Akademiker, darunter viele Promovierte und Wissenschaftler.

Dies löste im Nachhinein eine Diskussion in der japanischen Öffentlichkeit aus, warum diese Elite für Asaharas Thesen so verführbar war. Diskutiert wurden aber auch Ermittlungsfehler der Polizei. In jedem Fall war der Anschlag eine Zäsur im Nachkriegsjapan. Der vermeintliche Friede wurde fragil. Schon 1995 wurde das Eigentum der Sekte konfisziert und das Gesetz zu Religionsgemeinschaften revidiert. Der Anschlag wurde bald auch literarisch verarbeitet. Der Kultautor Murakami Haruki interviewte 60 Anschlagsopfer und veröffentlichte diese Gespräche 1997 in dem Buch „Untergrundkrieg: Der Anschlag von Tokyo“.

Die Sekte existiert bis heute. Im Jahr 2000 nannte sich Ōmu Shinrikyo in Aleph (アレフ) um. Eine andere Splittergruppe agiert seit 2007 unter dem Namen Hikari no wa (ひかりの輪). Ihr Anführer Joyu Fumihiro hat sich offiziell von der Anbetung Asaharas distanziert. Während Ōmu Shinrikyo in den USA als Terrororganisation gilt, sind beide Nachfolgeorganisation in Japan legal, wenngleich sie unter enger Beobachtung seitens der Behörden stehen. Die BBC nennt aktuelle Zahlen: Es gebe Schätzungen, wonach die Sekte weiterhin rund 1.500 Anhänger habe. 2016 wurden aus Montenegro 58 Ausländer ausgewiesen, die in Verbindung zur Sekte stehen sollen.


Verwendete Creative Commons-Lizensen:

CC BY 2.0
CC BY-SA 3.0

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