Von kaputten Klassenzimmern und Schulen mit Bildungsnotstand

Schüler außer Kontrolle und Schulen, in denen keine Bildung mehr stattfindet - man hört viel Schreckliches aus Japans Schulen. Dieser Artikel beschäftigt sich damit, ob die Lage wirklich so ernst ist und was dagegen unternommen wird.

Klassen mit 35 und mehr Schülern in einem Raum. Grundschullehrer, die den Kindern in ihren ersten sechs Schuljahren alle Fächer selbst beibringen müssen. Dürftiger Fremdsprachenunterricht. Striktes, ergebnisorientiertes Lernen ohne Raum für kritisches Denken.

Und doch mischen japanische Schüler alljährlich die Pisa-Studie und andere internationalen Studien auf, indem sie die Messlatte ziemlich hoch legen.

Was macht Japan richtig? Sollte man das anderswo nachahmen? Mal davon abgesehen, dass Studien dieser Art mit äußerster Vorsicht zu genießen sind, ist ein Blick auf die (natürlich überall bestehenden) Schattenseiten angebracht, die das japanische Bildungssystem in sich trägt.

Als ich einmal im Auftrag eines Verlages deren Vertreter bei ihren Besuchen in den Schulen begleitete, fiel mir eine Liste mit den Schulen der Umgebung auf, doch einige Schulen waren durchgestrichen. Was es denn mit diesen Schulen auf sich habe, wollte ich daraufhin wissen, und der Vertreter begründete die Streichung damit, dass es sich um eine kyōiku konnan-kō 教育困難校 handelte – eine „Schule mit Bildungsnotstand“.

Das klang erstmal seltsam, doch ich wurde mit lebhaften Schilderungen aufgeklärt. „Die Lehrer dort sind froh, wenn die Schüler nach 6 Jahren Grundschule ihren eigenen Namen in kanji 漢字 schreiben können. Unterricht ist dort nahezu unmöglich und die Lehrer fürchten sich täglich, nicht unversehrt nach Hause zu kommen.“

Die Hoffnung, dass sich die Lage an solchen Schulen – sie gibt es in jeder Region Japans – bald ändern könnte, zerstreute der Vertreter umgehend: „Diese Schulen haben keinerlei Mittel, um zusätzliche Unterrichtsmaterialien kaufen zu können. Deshalb ist es für uns sinnlos, dort unsere Bücher vorzustellen.“

Denn das mit den Lehrbüchern ist in Japan so eine Sache. Alljährlich entscheidet das japanische Bildungsministerium (kurz: MEXT), welche Lehrbücher in allen Schulen des Landes benutzt werden dürfen. Passt dem Ministerium eine Passage über die japanische Geschichte nicht, muss der Verlag nachbessern. Diese offiziellen Lehrbücher kosten meist nur 2 bis 3 Euro und reichen vorne und hinten nicht, um den Schülern alles Notwendige zu vermitteln.

Die teuren Privatschulen in den Großstädten müssen ebenfalls diese Bücher kaufen, doch der Unterricht findet in der Regel mit teureren, qualitativ besseren Zusatzmaterialien statt, die eben keine Genehmigung vom MEXT benötigen. Und dort machen die Verlage ihr Geld.

Insgesamt stellen private Anbieter in Japan 7% der Schulen. In den Großstädten sieht das aber anders aus: In Tōkyō sind es ganze 23.9%, in Kyōto 12.1%. Dieses Verhältnis, besonders in der japanischen Hauptstadt, erklärt, warum das Niveau der staatlichen Schulen abfällt: Sie können nicht mit den Privatschulen mithalten.

Abhängigkeit von den Lehrern als Führung

Ob in einer Schule Bildungsnotstand herrscht, kann man oft am Phänomen der sogenannten gakkyū hōkai 学級崩壊, den „zerstörten Klassenstufen“ messen. Dieses Phänomen kann bereits in der ersten Klasse der Grundschule auftreten und bedeutet, salopp gesagt, dass die Autorität des Lehrers völlig untergraben wurde und ein Unterricht im eigentlichen Sinne nicht stattfinden kann.

Das ist in den ersten sechs Jahren der Grundschule besonders verheerend, denn dort unterrichtet ein einziger Lehrer die komplette Klasse den ganzen Tag lang, jeweils ein ganzes Jahr. Wird jedoch aus welchen Gründen auch immer der Unterricht unmöglich, geht für die lernwilligen Schüler mindestens ein komplettes Jahr Bildung verloren.

Zwar untersuchte das MEXT aufgrund vermehrter Berichte in den japanischen Medien rund um die Jahrtausendwende das Problem ausführlich, doch kam man zu dem Schluss, dass dies kein allzu verbreitetes Problem sei.

Nichtsdestotrotz konnte ich das Ganze im Jahr 2013 aus nächster Nähe betrachten, denn in einer Parallelklasse meiner Tochter, an einer ganz normalen Grundschule, geschah genau dies: Ein sehr willensstarker, und dazu noch in seiner Art mitreißender Erstklässler, gepaart mit einem Lehrer, dem es klar an Führungsstärke mangelte, sorgte dafür, dass in der Klasse quasi ein Jahr lang kein Unterricht stattfand.

Sagte der Schüler mitten im Unterricht auf einmal: „Lasst uns lieber rausgehen zum Spielen“, standen die Schüler auf und verließen den verdutzten Lehrer. Den Schüler konnte man jedoch nicht aus der Klasse werfen, denn er war kein Dummer. Der Lehrer wurde nach dem Schuljahr „aus dem Programm genommen“. Und die anderen 34 Mitschüler? Sie haben aus diesem Jahr kaum etwas mitnehmen können, und die Bitten etlicher Eltern, ihre Kinder in eine andere Klasse zu versetzen, wurden allesamt abgewiesen.

Problemschulen

Quasi auf einer höheren Ebene findet das Phänomen der eingangs erwähnten „Schulen mit Bildungsnotstand“ statt – vor allem in Mittel-, mehr aber noch an Oberschulen. Euphemistisch werden diese Schulen auch als kadai shūchū-kō 課題集中校 bezeichnet – wörtlich: Schulen, in denen sich Aufgaben häufen.

Diese Probleme können verschiedener Natur sein: Kleinkriminalität, längeres Schulschwänzen, schwere Fälle von Schikane und die bereits erwähnten „zerstörten Klassenstufen“ zählen zu den häufigsten Ursachen.

Interessant ist dabei, dass sich solche Schulen nicht nur in Gegenden mit sozialen Brennpunkten finden, sondern durchaus auch in ganz normalen Stadtvierteln. Und natürlich wissen die Menschen in der Regel, um welche Schulen in der Gegend es sich genau handelt.

Allerdings haben die Familien in nur 15% der japanischen Gemeinden die freie Wahl der Schule. In allen anderen Bezirken ist nach Adresse festgelegt, wo die Kinder eingeschult werden. Anderen Eltern wiederum fehlt für eine Privatschule oder für einen Umzug in Bezirke mit besseren staatlichen Schulen schlicht das Geld. Von einer schlechten Schule schließlich in eine „gute“ Universität und damit in einem gut bezahlten Beruf zu landen, ist in Japan aber äußerst schwierig.

Gegenmaßnahmen

Örtliche Schulverbände haben in den vergangenen Jahren Richtlinien für Schulen erlassen, um Lehrer zu sensibilisieren. Damit werden aufkommende Probleme eher erkannt, doch an wahren Maßnahmen fehlt es. Deshalb wird es die „Schulen mit Bildungsnotstand” entsprechend auch noch eine ganze Weile geben.

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