Die Universität Tokyo - Japans renommierteste Universität. (c) Janz

Japanische Unis: Es zählt nicht, was man studiert, sondern wo

Seit 2015 werden in der japanischen Politik die Rufe lauter, dass Universitäten praxisnaher werden sollen, um geeignete Arbeitskräfte für den Arbeitsmarkt auszubilden. Der Vorstoß hat einen ernsthaften Hintergrund: Nicht wenige studieren nur, um einen guten Universitätsnamen im Lebenslauf zu haben.

Im Jahr 2013 begannen die regierenden Liberaldemokraten, einen Wechsel im japanischen Bildungssystem anzustreben. Dazu gehört auch der kokuritsu daigaku kaikaku puran 国立大学改革プラン – der Plan zur Reform der staatlichen Universitäten. Staatlich deshalb, weil die Regierung – zumindest nicht auf direktem Wege – in die zahlreichen privaten Universitäten eingreifen kann.

2015 hörte man diesbezüglich die ersten konkreten Vorschläge. So wurde angedacht, die staatlichen Mittel für das, was man im deutschen Volksmund so schön als „brotlose Kunst“ bezeichnet, zusammenzustreichen. Bei den Geistes- und Sozialwissenschaften also.

Ein eklatanter Fehler? Diese Wissenschaften gibt es nicht ohne guten Grund, und so sehr auch manche das Studium der Philosophie zum Beispiel als brotlose Kunst bezeichnen – hier geht es um nicht weniger als Grundlagenforschung auf höchstem Niveau.

Bildet man in Japan an den Universitäten nur noch Manager und Ingenieure aus, geht dem Land auf lange Sicht gesehen etwas Wertvolles verloren – nämlich erstklassige Wissenschaftler. Eine Situation, die es vor Jahrzehnten auch schon gab – zu einer Zeit, in der japanische Physik- oder Medizin-Nobelpreisträger eine Rarität waren. Das ist heute anders – es vergeht kaum noch ein Jahr, in dem es keine japanischen Preisträger gibt.

Fakten zum Studium in Japan

Rund drei Viertel der knapp 800 Universitäten in Japan sind in privater Hand, und ähnlich sieht das Verhältnis der Studenten aus: Drei Viertel studieren an privaten Unis.

40% der Studenten entscheiden sich dabei für ein sozialwissenschaftliches sowie jeweils 16% für ein geisteswissenschaftliches oder technisches Fach. Ein direkter Vergleich mit Deutschland ist allerdings schwer, denn das Fach BWL zum Beispiel gehört in Japan je nach Universität mal zu den Sozialwissenschaften, mal zu den Wirtschaftswissenschaften. Doch eines lässt sich mit Sicherheit sagen: In Japan wird weniger berufsorientiert studiert.

Während in Deutschland ganz konkrete Fächer wie Betriebswirtschaftslehre, Informatik oder Medizin zu den beliebtesten Fächern zählen, sind es in Japan eher “weiche” Fächer, die den Absolventen erlauben, fast überall zu arbeiten.

Besonders beliebt sind wirtschafts- und rechtswissenschaftliche Fächer, doch bei letzterem bedeutet dies nicht, dass die Studenten wirklich später als Anwälte arbeiten wollen – oft geht es dann doch in die Wirtschaft, vorzugsweise zu großen Unternehmen.

In Japan wählen nicht wenige Studenten ihre Universität nach drei Gesichtspunkten aus: In erster Linie möchten viele an der besten Universität studieren, denn je besser die Universität, desto mehr Auswahl hat man bei der anschließenden Berufswahl.

Zweitens geht es vielen Studenten um die Gehaltsaussichten, weshalb natürlich Fächer wie Wirtschafts- und Rechtswissenschaft besonders beliebt sind. Zu guter Letzt spielt auch eine Rolle, wie gut die Universität mit der Wirtschaft verknüpft ist – nicht wenige Unternehmen, vor allem außerhalb von Tōkyō, rekrutieren gern ihre neuen Mitarbeiter von ein und derselben Universität.

Doch auch wenn im Schnitt circa 95% der Absolventen momentan mühelos eine Arbeitsstelle finden, ist die Regierung der Meinung, dass viele Studenten an der Universität Dinge lernen, die sie später kaum brauchen können.

Die eingangs erwähnte Bildungsreform soll dazu führen, dass die Universitäten mehr realitätsbezogene Studienfächer fördern sollen. Ganz besonders möchte man hier pädagogische Fächer sowie regionsverbundene Fächer fördern: Der ländliche Raum in Japan steht aufgrund der Landflucht und der Überalterung der Bevölkerung vor riesigen Anforderungen – hier gibt es viel Forschungsbedarf und ebenso einen großen Bedarf an Fachkräften.

Damit soll das „was“ beim Studieren wichtiger werden als das „wo“, aber das wird nicht vollständig umsetzbar werden: Vor allem in der Wirtschaft ist es immer noch der Name der Universität, nicht das studierte Fach, der Türen öffnet.

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